Die geplante Streichung des Förderbereichs Innovationsprojekte im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ bedroht die Existenz von 180 Grad Wende e. V.
Stellen Sie sich vor: Es ist Januar 2027. Eine besorgte Mutter sucht in ihrer Verzweiflung Hilfe. Ihr Sohn taucht immer tiefer in die Welt radikaler Influencer ein und wendet sich von Familie und Gesellschaft ab. Eine Freundin empfiehlt ihr sich 180 Grad Wende anzuvertrauen. Doch am Ende der Leitung ertönt nur „Kein Anschluss unter dieser Nummer”. Diesmal ist 180 Grad Wende nicht erreichbar. Die Förderungen wurden beendet. Es gibt keine Präventionsangebote mehr für diesen jungen Mann. Es gibt nur die Mutter, die schmerzlich mitansehen muss, wie ihr Sohn immer weiter abdriftet.
Diese Szene ist nach den letzten politischen Entscheidungen eine reale Situation, die durch den Wegfall wichtiger Präventionsarbeit zur brutalen Realität wird.
„Wir sehen diese Entwicklung mit großer Sorge. Unser Verein arbeitet seit 2012 dort, wo gesellschaftliche Spannungen, Ausgrenzung, Radikalisierung und Perspektivlosigkeit ganz konkret im Alltag von jungen Menschen und Familien spürbar werden”, sagt Mimoun Berrissoun, Geschäftsführer von 180 Grad Wende e. V. Der Verein erreicht seit seiner Gründung jährlich tausende junge Menschen aus Communitys, die von Ausgrenzung betroffen sind. „Unsere Projekte sowie die vieler anderer Initiativen, setzen genau an den Stellen an, an denen staatliche Regelstrukturen nicht wirken. Wenn ausgerechnet die Zivilgesellschaft geschwächt wird, die Innovation, Flexibilität und niedrigschwellige Präventionsarbeit ermöglicht, dann trifft das nicht abstrakte Strukturen – es trifft Menschen. Eben genau die Menschen, die nicht von Regelstrukturen erreicht werden.
Für unseren Verein ist diese Förderung eine tragende Grundlage. Fällt sie weg, ist das eine existentielle Bedrohung für unsere gesamte Organisation.”
Darunter werden vor allem diejenigen leiden, die ohnehin nur schwer Zugang zu Unterstützung finden:
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- Jugendliche verlieren wichtige Mentoren und Ansprechpersonen, die sie ernst nehmen, bevor Frust, Rückzug oder schlimmstenfalls Radikalisierung bis hin zu Gewalt ihren Alltag bestimmen.
- Familien verlieren Begleitung, wenn sie mit Überforderung oder der Perspektivlosigkeit junger Angehöriger konfrontiert sind.
- Jahrelange Expertise und Handlungskompetenz, die mühevoll erarbeitet wurden, sind von einem Tag auf den anderen für Fachkräfte und Ratsuchende nicht mehr abrufbar.
- Präventionsarbeit im Sozialraum wird geschwächt, obwohl gerade sie langfristig verhindert, dass sich gesellschaftliche Konflikte entwickeln.
- Vertrauensvolle Beziehungsarbeit bricht weg, die nicht von heute auf morgen ersetzt werden kann, weil sie über Jahre aufgebaut wurde.
- Ein starkes Netzwerk aus verschiedenen Communitys, in dem sich tagtäglich hunderte Ehrenamtliche für ein gelungenes gesellschaftliches Miteinander und Jugendliche einsetzen, löst sich auf.
Innovative Projekte schließen häufig die Lücken, wo bisherige Ansätze erfolglos waren. Sie schaffen neue Zugänge, erreichen besonders gefährdete Zielgruppen und reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen. Wer diesen Bereich streicht, schwächt die demokratische Resilienz der Gesellschaft.
„Gerade heute braucht unsere Gesellschaft mehr Prävention, Dialog und Zusammenhalt, nicht weniger. Wir sprechen hier nicht nur über Förderlogiken oder Haushaltsentscheidungen. Wir sprechen über die Frage, ob es in Deutschland weiterhin Orte gibt, an denen junge Menschen aufgefangen werden, bevor sie verloren gehen. Wir sprechen darüber, ob Vereine wie 180 Grad Wende weiter handlungsfähig bleiben, um Demokratie im Alltag zu stärken”, führt Berrissoun aus.
Wir appellieren daher eindringlich an die politischen Verantwortlichen, die geplante Streichung des Förderbereichs Innovationsprojekte zu überdenken. Wer wirksame Demokratieförderung ernst meint, darf die Strukturen nicht zerschlagen, die genau diese Arbeit Tag für Tag leisten.
Wir appellieren zudem an alle, in diesen schwierigen Zeiten uns und der gesamten Zivilgesellschaft zur Seite zu stehen und zusammenzuhalten.