Wie aus einer Reaktion eine Bewegung wurde
2008 erschüttert der gewaltsame Tod eines Jugendlichen mit marokkanischen Wurzeln Köln-Kalk – es folgen Jugendaufstände. Aus dem Wunsch, etwas zu verändern, entsteht der Arbeitskreis „Dialog der Kulturen“, ein Zusammenschluss aus Stadt, Polizei und gesellschaftlichen Akteur:innen. Dort entwickelt Mimoun Berrissoun die Idee eines Multiplikatoren-Trainings – nach dem Leitsatz: „Nicht nur reden, sondern machen.“
Aus den ersten Deeskalationstrainings wird 2012 die 180 Grad Wende. Was danach folgt, ist eine Geschichte aus Ausdauer, Gegenwind und immer neuen Wegen, jungen Menschen wirklich zu helfen.
2008–2010
Der gewaltsame Tod eines Jugendlichen und die folgenden Unruhen in Köln-Kalk sind der Auslöser. Als Reaktion gründet sich der Arbeitskreis „Dialog der Kulturen“ – Stadt, Polizei und gesellschaftliche Akteur:innen an einem Tisch. Mimoun Berrissoun entwickelt dort die Idee eines Multiplikatoren-Trainings, das gemeinsam mit der Stadt Köln umgesetzt wird: die ersten Deeskalationstrainings für junge Menschen.
2012
Aus den Erfahrungen des Multiplikatoren-Trainings entsteht die Initiative 180 Grad Wende. Die Idee: mehr machen – das Multiplikatoren-Netzwerk ausbauen und junge Menschen ganzheitlich unterstützen. Gemeinsam mit einer Expertenrunde aus sozialen und gesellschaftlichen Bereichen entsteht das Konzept.
2013
Eine erste eigene Räumlichkeit in Kalk (in Co-Nutzung) wird zur Anlaufstelle: Hilfe, Beratung und Sprachkompetenz vor Ort. Die Einzelfallbetreuung beginnt, weitere Community-Aktivitäten kommen hinzu.
2014
Gerade in den frühen Jahren gibt es viel Gegenwind: „Wer sind die? Was machen die?“ – Skepsis von außen, Anfeindungen von extremistischen Akteuren. Die Arbeit geht trotzdem weiter, neue Angebote entstehen: die Junge Exzellenz Akademie und Schulworkshops.
2015
„Start Social“ unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel bringt finanzielle Unterstützung und Berater:innen, die helfen, Strukturen zu professionalisieren. Über das Modellprojekt „180 Grad Wende R“ im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ werden erste Vollzeittätigkeiten möglich. Neue, bedarfsorientierte Projekte entstehen: der Pluskurs zur Berufs- und Ausbildungsberatung sowie Gesprächskreise in Justizvollzugsanstalten.
2016
Ausdauer lohnt sich: Immer öfter wird die 180 Grad Wende als Expertin zu Vorträgen eingeladen. Angebote, das Projekt einfach zu übernehmen, werden bewusst abgelehnt – die eigene Idee bleibt im Mittelpunkt. Die Arbeit wächst: neue Übungsleiter:innen, Mini-Jobber:innen und feste Mitarbeitende kommen dazu, die Angebote weiten sich auf Bonn und Leverkusen aus.
2017
Eine Evaluation des Deutschen Jugendinstituts bescheinigt dem neuen Projekt „Keepers“ keine Skalierbarkeit. Die 180 Grad Wende sieht das anders – und sucht gezielt engagierte Menschen in NRW, die vor Ort Zugänge zur Zielgruppe haben, um die Prinzipien der Arbeit in weitere Kommunen zu tragen.
2018
Die Projekte wachsen weiter: Überleiter:innen im JVA-Projekt erhalten erstmals eine Ehrenamtspauschale, Keepers gewinnt neue Standorte.
2019
Internationale Anerkennung für die Arbeit der 180 Grad Wende.
2020
Im Corona-Jahr wächst der Bedarf, während die Möglichkeiten vor Ort eingeschränkt sind. Die Antwort: Digital Streetwork, digitale Gesprächsgruppen und Fortbildungen für Lehrkräfte – ergänzt durch eine analoge Ramadan-Geschenktüten-Aktion. Keepers gewinnt weitere Wirkungsorte in NRW, das neue Projekt „Wortwechsel“ entsteht.
2021
Zum 70. Geburtstag des Bundesverfassungsgerichts zeichnen die Bundeszentrale für politische Bildung und das Bundesverfassungsgericht die 180 Grad Wende aus. Mit „Dritte Orte“ entsteht ein weiteres Angebot.
2022
Zehn Jahre 180 Grad Wende – gefeiert mit einer Jubiläumsveranstaltung und der Verleihung des Engagementpreises. Das Team wächst um drei neue Teil- und Vollzeitstellen. Mit „Extra-Zeit“ startet ein Nachhilfeangebot in Köln, Leverkusen und Gelsenkirchen, ergänzt um psychiatrische Beratung.
2023
Die Arbeit trägt weiter Früchte: „Extra-Zeit“ wächst auf zehn Standorte, die psychiatrische Beratung, der JVA-Gesprächskreis, Keepers, Wortwechsel und Dritte Orte laufen weiter – getragen von zwei Modellprojekten aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und vielen weiteren, oft ehrenamtlichen Kräften.